WENDY RICHMOND – OVERHEARD

by BrigittaOnnaKristina on 6. September 2014

wendy-richmond-overheardDie interaktive Installation OVERHEARD (2008-2010) ist eine Art Erweiterung und Spiegelbild der Videoarbeit PUBLIC PRIVACY von Wendy Richmond. Während sie in Public Privacy kurze Split-Screen-Stummfilme von Menschen an öffentlichen Orten drehte, die sie heimlich filmte, dokumentierte sie in OVERHEARD ebenfalls heimlich Telefongespräche fremder Menschen, denen sie in der Bahn oder im Café lauschte.

Die unvollständigen Gesprächsteile notierte sie und entwickelte zusammen mit dem Multimedia-Künstler und Designer Michael Chladil eine interaktive Audio-Text-Installation, in der der Zuschauer oder die Zuschauerin durch Betätigung einer Art Reißleine die Textfragmente aneinanderreihen oder miteinander vermischen kann, so dass neue, fiktive Gespräche entstehen. Zugleich wurden kurze Gesprächsausschnitte auf die Wände im Korridor der Gallery Callit 2 geschrieben, so dass sich der Ausstellungsraum über die ganze Galerie hinweg ausweitete.

In dem Titel OVERHEARD bezieht sich Wendy Richmond auf das berühmte Zitat von Cage

“Wherever we are, what we hear is mostly noise. When we ignore it, it disturbs us. When we listen to it, we find it fascinating.” 

Gedanken zu OVERHEARD

Die erste Frage, die ich mir bei OVERHEAD stelle: Warum wird Sprache in Schrift übersetzt? Denn es würde ja nahe liegen, die gesamte  Installation in die Form einer interaktiven Audioinstallation zu bringen. Was passiert, wenn wir Sprache in Text übersetzen?

Die Persönlichkeit des Sprechers oder der Sprecherin wird ausradiert – wir hören keinen Tonfall, keine Sprechmelodie, keinen Akzent oder Dialekt, können das Geschlecht nicht bestimmen und auch die Stimmung, aus der heraus gesprochen wird, nicht definieren. Da zudem in der Installation die Reihenfolge der Bruchstücke nur schwer rekonstruierbar ist, wird auch der Kontext ausgehebelt – es bleiben Bruchstücke, die aneinandergereiht neue Kontexte ergeben. Das Private wird komplett in eine Neutralität verwandelt und nun geschieht das, was Text am besten kann – wir versetzen uns in die Situation eines fremden Menschen und lesen die Texte mit – im wahrsten Sinne des Wortes – unseren Augen. Das Öffentliche wird zu unserer Privatangelegenheit und die Installation zu einem Ort, an dem Besucher auf sich selbst zurückgeworfen werden.

Die Überlagerung von Textteilen und die Projektion auf verschiedene Flächen machen das Erfassen aller Textteile in einem Moment unmöglich. Ich frage mich dabei jedoch, welche Rolle das interaktive Element spielt. Laut Richmond führt die Bedienung der Reißleinen  (wenn man an ihnen zieht kann man das Tempo vorbeifahrender Schriftzüge beeinflussen) zu einer Art „Technologie-Erfahrung“, deren Bedeutung sich mir in dem Zusammenhang der Thematik jedoch nicht erschließt. Wahrscheinlich setzt sie hier einen Link zu ihren Arbeiten jenseits der Public Privacy Serie, eben die Arbeiten, in denen sie sich mit dem Einsetzen und der sinnlichen Erfahrbarkeit von Technologien auseinandersetzt.

Videodokumentation der Installation OVERHEARD

 

Previous post:

Next post: